Bewertung, Selbstbewertung und warum wir uns und unsere Kinder so oft falsch messen

beitragsbild neurodivergenzspektrum

Wir bewerten ständig.

Meistens ganz unbewusst.

Wir bewerten andere Menschen. Wir überlegen, warum jemand etwas tut, ob das Verhalten gut oder schlecht ist, ob etwas angemessen war oder eben nicht. Und wir bewerten auch unsere Kinder. War das gut gemacht? War das schwierig oder eigentlich leicht? Hat sich das Kind genug angestrengt? Hätte es das nicht schaffen müssen?

All das sind Bewertungen.

Und gleichzeitig werden auch wir selbst die ganze Zeit bewertet. Von außen – durch Eltern, Freunde, Partner, Lehrer, vielleicht sogar durch völlig fremde Menschen.

Vielleicht bewertet mich die Bäckerin, weil ich mich nicht freundlich genug verabschiedet habe. Vielleicht denkt jemand, ich sei unhöflich, gestresst oder seltsam. Dabei weiß diese Person gar nicht, was gerade in meinem Leben los ist. Vielleicht liegt mein Vater im Krankenhaus. Vielleicht muss ich mein Kind von der Schule abholen. Vielleicht bin ich innerlich völlig erschöpft. Vielleicht wurde ich gerade verlassen. Vielleicht habe ich einfach keine Kapazität mehr.

Die Hintergründe kennt oft niemand.

Und trotzdem wird bewertet.

Genauso, wie wir es selbst auch tun.

Warum bewerten wir eigentlich so viel?

Ein Grund ist: Weil wir selbst ständig bewertet wurden.

Viele von uns tragen eine innere Richtschnur in sich. Eine Vorstellung davon, wie man zu sein hat. Wie man reagieren sollte. Was als stark gilt. Was als schwach gilt. Was leicht ist. Was schwierig ist. Was man „hinbekommen muss“. Was man nicht zeigen darf.

Diese Maßstäbe entstehen nicht einfach zufällig. Wir übernehmen sie meist früh in unserem Leben. Aus unserer Familie. Von Eltern, Großeltern, Lehrern, Freunden, der Schule, unserer Umgebung.

Und daraus wächst ein inneres Wertesystem.

Ein System, das uns sagt:
So ist es richtig.
So ist es falsch.
Das ist gut.
Das ist peinlich.
Das musst du können.
Das darf dir nichts ausmachen.

Dieses System wenden wir nicht nur auf andere an.

Wir wenden es jeden Tag auf uns selbst an.

Wie wir uns selbst kleinmachen, ohne es zu merken

Oft bewerten wir uns, ohne es überhaupt bewusst wahrzunehmen.

Zum Beispiel dann, wenn wir etwas geschafft haben und es sofort kleinreden.

Der Haushalt läuft. Zwei Kinder versorgt. Teilzeit gearbeitet. Eingekauft. Essen gemacht. Alle irgendwie durch den Tag gebracht. Die Kinder angezogen, organisiert, begleitet. Selbst irgendwie noch funktioniert.

Und was sagen wir dann?

„War ja nichts Besonderes.“
„Machen andere ja auch.“
„Ist doch normal.“
„Kann ja jeder.“

Aber genau das ist bereits eine Bewertung.

Und oft ist es keine liebevolle.

Es ist ein Maßstab, den wir irgendwann übernommen haben. Einer, der übersieht, was wir täglich tragen, leisten und aushalten. Einer, der uns davon abhält, milde mit uns zu sein. Einer, der uns den Blick dafür nimmt, was wir jeden Tag tatsächlich schaffen.

Und genau diesen Maßstab legen wir auch an unsere Kinder an

Wenn wir uns selbst hart bewerten, dann passiert oft etwas ganz Automatisches:

Wir bewerten auch unser Kind nach denselben inneren Regeln.

Dann denken wir zum Beispiel:

„Jetzt nach der Schule noch kurz zusammen einkaufen – das muss doch möglich sein für mein Kind.“
„Da kann man sich doch mal zusammenreißen.“
„Das ist doch nicht so schlimm.“
„Das bisschen Musik im Laden kann doch nicht stressen.“

Aber was wir dabei vergessen:

Nicht jeder Mensch bringt dieselben Voraussetzungen mit.

Gerade neurodivergente Kinder haben oft ein Nervensystem, das anders reagiert. Die Reizschwelle ist häufig niedriger. Reize werden intensiver wahrgenommen oder schlechter gefiltert. Das, was für uns ganz normal erscheint, kann für ein Kind extrem anstrengend sein.

Musik im Hintergrund.
Grelles Licht.
Bunte Regale.
Viele Menschen.
Gerüche.
Unvorhersehbarkeit.
Zeitdruck.

Was für uns „doch eigentlich machbar“ wirkt, kann für ein Kind bereits zu viel sein.

Und wenn wir dann sagen:
„Das darf dich doch jetzt nicht stressen“,
dann ändert das nichts daran, dass es das Kind eben doch stresst.

Nicht jedes Nervensystem funktioniert gleich

Manchmal haben wir nicht einmal wirklich ein anderes Nervensystem als unser Kind.

Manchmal haben wir nur gelernt, unseres zu übergehen.

Wir haben gelernt, zu funktionieren.
Uns zusammenzureißen.
Uns anzupassen.
Durchzuhalten.
Nicht aufzufallen.

Vielleicht haben wir selbst gehört:

„Stell dich nicht so an.“
„Das ist doch nicht schlimm.“
„Reiß dich zusammen.“
„Andere schaffen das doch auch.“

Und genau diese Sätze wirken oft in uns weiter – selbst dann, wenn wir sie eigentlich nie an unsere Kinder weitergeben wollten.

Doch unbewusst tun wir es manchmal trotzdem.

Nicht, weil wir schlechte Eltern sind;
sondern, weil wir oft nur weitergeben, was wir selbst gelernt haben.

Aber wollen wir das wirklich weitertragen?

Wollen wir wirklich weiterhin mit uns selbst und mit unseren Kindern so umgehen?

Wollen wir wirklich Maßstäbe weitergeben, die uns selbst verletzt haben?

Oder dürfen wir anfangen, genauer hinzuschauen?

Warum sind wir so streng mit uns?
Warum bewerten wir uns so oft ab?
Warum fällt es uns schwer, anzuerkennen, was wir leisten?
Warum erwarten wir von Kindern Dinge, die vielleicht gar nicht zu ihrem Nervensystem passen?

Und noch wichtiger:

Dürfen wir milder werden?
Sanfter?
Verständnisvoller?

Der Affe, der Elefant und der Baum

Vielleicht kennst du das Bild:

Wenn ein Affe und ein Elefant beide die Aufgabe bekommen, auf einen Baum zu klettern, dann ist das keine faire Prüfung.

Der Affe wird es schaffen.
Der Elefant nicht.

Aber macht das den Elefanten dumm, faul oder falsch?

Natürlich nicht.

Er hat einfach andere Voraussetzungen.

Und genau das vergessen wir im Alltag so oft.

Wir messen Kinder, Partner, andere Menschen und uns selbst an Maßstäben, die gar nicht für alle gleich passen.

Dabei wäre die viel wichtigere Frage:

Was braucht dieser Mensch?
Was bringt er mit?
Was ist für ihn gerade wirklich möglich?
Was kostet ihn vielleicht viel mehr Kraft, als ich von außen sehen kann?

Milde beginnt bei uns selbst

Wenn wir aufhören wollen, andere vorschnell zu bewerten, dann dürfen wir zuerst bei uns selbst anfangen.

Denn ein liebevollerer Blick auf uns selbst verändert oft auch den Blick auf unser Kind.

Vielleicht beginnt es damit, die eigene Leistung nicht ständig kleinzureden.

Vielleicht beginnt es damit, innezuhalten und zu sehen:

Das war viel heute.
Das war nicht selbstverständlich.
Ich habe getragen, organisiert, begleitet, ausgehalten.
Ich bin aufgestanden und habe weitergemacht.

Vielleicht beginnt Milde auch mit einer ganz kleinen Übung.

Stell dir vor, deine beste Freundin oder dein bester Freund würde dir erzählen, was heute alles los war und was trotzdem geschafft wurde.

Du würdest wahrscheinlich nicht sagen:
„War doch nichts.“
„Stell dich nicht so an.“
„Das machen andere auch.“

Du würdest wahrscheinlich liebevoll reagieren.
Wertschätzend.
Verstehend.
Sanft.

Und genauso darfst du auch mit dir selbst sprechen.

Ein erster kleiner Anfang

Vielleicht ist es am Anfang nur ein kurzer Moment am Abend.

Ein Blick in den Spiegel.
Ein sanfter Blick.
Ein vorsichtiges Lächeln.
Ein leises:

„Hast du gut gemacht.“

Vielleicht fühlt sich das erst ungewohnt an.
Vielleicht sogar fremd.

Aber vielleicht darf dieses leise Murmeln mit der Zeit ein wenig kräftiger werden.

Nicht übertrieben.
Nicht künstlich.
Nur wahrhaftiger.

Denn „Kann ja jeder“ stimmt oft nicht.

Und vor allem stimmt:

Du bist aufgestanden.
Du hast getragen.
Du hast versucht.
Du hast es gemacht.

Und wenn es an manchen Tagen nicht gelingt, liebevoll mit dir zu sein, dann darf auch das dazugehören.

Dann sei sanft mit dir, wenn du in alte Muster zurückfällst.

Morgen darfst du neu anfangen.

Immer wieder.

Kennst du solche Situationen aus deinem Familienalltag?

Manchmal wissen wir eigentlich, dass unser Kind nicht absichtlich schwierig ist – und trotzdem geraten wir immer wieder in dieselben Muster aus Erwartungen, Frust und Missverständnissen.

Im Familienkompass schauen wir gemeinsam auf die Bedürfnisse, das Nervensystem und die Dynamiken hinter dem Verhalten.

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